
EIN AURIGA, ZWEI PFERDE UND EIN ABENDESSEN
Platon sprach nicht vom Valentinstag.
Und doch: Wenn man ihm genau zuhoert, scheint er viele zeitgenoessische Liebesformen zu beschreiben.

Im Phaidros stellt sich Platon die Seele als einen gefluegelten Wagen vor:
einen Wagen, der mit hoher Geschwindigkeit unterwegs ist.
Gelenkt wird er von einem Auriga (dem Wagenlenker), dem rationalen Teil –
jenem Teil, der versucht, die Dinge zusammenzuhalten, wenn Gefühle ins Spiel kommen.
Vor ihm ziehen zwei Pferde.
Das eine ist gut erzogen, ruhig, verlässlich. Es hält die Spur, hört zu, macht keine Szenen.
Das andere … nicht.
Das andere scharrt, zieht, widersetzt sich. Es mag nicht Warten, keine Vermittlung ist möglich.
Es will alles und sofort.
Wenn dir dieses Bild vertraut vorkommt, keine Sorge:
Du bist nicht die einzige Person, die sich darin wiedererkennt.
Platon hatte im Grunde schon alles verstanden.
Das Problem sind nicht die Pferde.
Und der Punkt des Mythos ist nicht, zu entscheiden, welches Pferd man „behalten“ soll.
Platon sagt nicht: Eliminiere das schwierige.
Er sagt: Lerne, sie gemeinsam zu lenken.
Denn in uns leben beide Kräfte:
eine die warten kann, abwägt und Form gibt,
und eine andere, die mit Intensität begehrt, ohne Geduld.
Und wenn die Liebe kommt, der Eros, passiert immer dasselbe:
Der Wagen ruckelt.
Die Hände schwitzen.
Die Zügel werden rutschig.
Hier kommt der Auriga ins Spiel.
Der Auriga ist der Teil von uns, der versucht, dem Begehren eine Form zu geben, wenn etwas wirklich wichtig ist.
Er dämpft nicht, er schafft keine Distanz.
Er erinnert lediglich daran, dass Begehren lebendig bleiben kann, ohne alles zu verbrennen.
Seine Aufgabe ist nicht, die Leidenschaft zu löschen.
Seine Aufgabe ist es, der Leidenschaft eine Richtung zu geben.
Lässt der Auriga die Zügel los, gewinnt das schwarze Pferd die Oberhand
und der Wagen gerät ins Schleudern:
lodernde Leidenschaft, reizbares Temperament, Eifersucht,
Worte, die zu schnell gesagt werden,
Gesten ohne Zuhören.
Nicht weil die Liebe falsch wäre,
sondern weil sie eine Energie mit sich bringt, die schwer zu halten ist.
Hält der Auriga dagegen stand,
fasst das ruhigere Pferd Mut
und das wildere wird gehalten,
geschieht etwas Seltenes:
Liebe hört auf, nur Impuls zu sein, und wird zu Fürsorge.
Platon sagt etwas Erstaunliches:
Wenn dieses Gleichgewicht gelingt, wachsen der Seele neue Flügel.
Übersetzt in weniger philosophische Worte:
Das Leben gewinnt an Höhe.
Man lebt ein wenig besser.
Mit mehr Wahlmöglichkeiten und weniger Reaktion.
Es ist ein Prinzip, das immer wiederkehrt, wenn Dinge funktionieren.
In der Liebe, bei Entscheidungen, und auch am Tisch.
Wir von Tigusto erkennen uns sehr in diesem Bild wieder.
Denn auch in der Küche funktioniert das Extreme oft nicht:
weder „alles neutral“ noch „alles intensiv“.
Was funktioniert, ist das Gleichgewicht.
Es funktioniert, wenn eine sanftere Zutat auf eine kraeftigere trifft,
ohne dass die eine die andere überdeckt.
Es funktioniert, wenn Charakter nicht überlagert, sondern offenbart.
Manchmal entsteht dieses Gleichgewicht aus einfachen Dingen:
wie Tofu, der auf Tamari trifft.
Zwei unterschiedliche Charaktere, eine gemeinsame Richtung.
Ein Wagen der aufhört, dem Himmel nachzujagen,
und sich für den Tisch entscheidet:
einen einfachen Ort, an dem Geschmack Harmonie findet.







